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Wie Pflegende sich in Teamtrainings selbst stärken können

Im stressigen Arbeitsalltag finden Pflegeteams oft zu wenig Zeit, um Lösungen für teaminterne Konflikte zu suchen. Die Frankfurt University of Applied Sciences und die Hochschule RheinMain haben deshalb im Projekt POINTED ein Konzept zur kollegialen Beratung (Intervision) entwickelt, mit dem die Teams ihre Zusammenarbeit verbessern und ihre Beratungs- und Kommunikationskompetenzen nutzen können – auch über kulturelle und sprachliche Barrieren hinweg.

Der Pflegeberuf gilt gemeinhin als wichtig und gesellschaftlich hoch relevant, doch in der öffentlichen Diskussion wird er häufig auch mit Personalmangel, schlechten Arbeitsbedingungen und geringer Bezahlung in Verbindung gebracht. Der oftmals hektische Arbeitsalltag erzeugt Stress innerhalb der Pflegeteams.

Mehrere Personen in Kitteln und Kasacks stehen im Kreis, eine von ihnen erklärt etwas auf einem Tablet.
Pflege ist ein anspruchsvoller und gesellschaftlich relevanter Beruf. Im Projekt POINTED haben Forschende untersucht, wie Pflegeteams lernen können, Konflikte im Team von innen heraus zu lösen. © Adobe Stock / D Lahoud/peopleimages.com

Durch diese fordernden Rahmenbedingungen können in den Teams Konflikte entstehen, die sich verfestigen und sich nur noch durch externe Hilfe auflösen lassen. Klassischerweise wird dafür eine so genannte Supervision durch externe Beraterinnen und Berater empfohlen. „Viele Pflegende haben damit aber eher schlechte Erfahrungen gemacht“, sagt Andre Terjung von der Frankfurt University of Applied Sciences. Sie werde oft als Einmischung von außen und „von oben herab“ wahrgenommen. Zudem kostet Supervision viel Zeit und Geld, das die Einrichtungen in der Regel nicht haben.

Terjung weiß, wovon er spricht, denn er hat selbst in der Pflege gearbeitet und kennt die besonderen Belastungen, die der Beruf mit sich bringt. Daher hat er als Ideengeber des Projektes in den vergangenen Jahren an einer alternativen Lösung gearbeitet. Gemeinsam mit dem Fachbereich Design Informatik Medien der Hochschule Rhein-Main haben die Frankfurter Forschenden ein mediengestütztes Intervisionskonzept erarbeitet und in engem Austausch mit verschiedenen Pflegeteams optimiert.

Die Teams organisieren die Trainings autark

Im Zentrum der Intervision steht die Beratung durch die eigenen Kollegen. „Anders als die typische Supervision greift das Intervisionskonzept schon, bevor überhaupt Konflikte entstehen“, erklärt Prof. Dr. Ulrike Schulze, die Leiterin des Projekts an der Frankfurt University of Applied Sciences und Geschäftsführerin des Hessischen Instituts für Pflegeforschung. „Außerdem befähigt es die Pflegenden, sich innerhalb des Teams selbst zu helfen und somit Probleme autark zu lösen.“

Um den Einstieg zu erleichtern – „Im eng getakteten Pflegealltag ist eigentlich jede Minute schon zu viel“, so Andre Terjung – beginnt die Intervision mit kurzen digitalen Einzeltrainings, die die Teilnehmenden über eine eigens dafür entwickelte App durchführen können. Danach folgen vier so genannte Teamtrainings, bei denen das Team gemeinsam Schulungsvideos anschaut.

Andre Terjung hat die Trainingsvideos gemeinsam mit seiner Kollegin Sabrina Khamo Vazirabad methodisch-didaktisch untermauert, entwickelt und Schritt für Schritt optimiert. Die Trainings bestehen nur zu einem Drittel aus Inhalten zum Zuhören; die übrigen zwei Drittel sind Übungen und Mitmachaktionen. Das beginnt bei einfachen Teambildungs-Aktivitäten und geht bis hin zur Beurteilung von Situationen aus dem Pflegealltag.

Die Idee dabei ist, dass die Teilnehmenden lernen, ihre jeweiligen Kompetenzen zur gegenseitigen Unterstützung einzusetzen. „Diese Form der Selbstermächtigung kann nicht nur innerhalb des Teams enorm hilfreich sein“, so Terjung. „Sie hilft auch dabei, dass Pflegende ihre Entscheidungen und Argumente besser gegenüber Ärztinnen und Ärzten, aber auch Vorgesetzten vertreten können.“ Diese Teamtrainings organisieren die Teams selbst, denn auch hier steht wieder ihre Selbstbefähigung im Vordergrund.

Die Herausforderungen sind überall ähnlich

Die partizipative Entwicklung der Trainings hat das POINTED-Team auch aus wissenschaftlicher Perspektive begleitet. Die beteiligten Pflegeteams waren deshalb möglichst divers zusammengestellt: Sie stammten aus 20 verschiedenen Einrichtungen wie Krankenhäusern, ambulanten Pflegediensten oder der Heilerziehungspflege. Dennoch stellten die Forschenden fest, dass die Unterschiede zwischen den Teams – egal aus welchem Bereich – in der Regel kleiner waren als die Unterschiede zwischen Personen innerhalb eines Teams.

Mit anderen Worten: Im Grunde hatten alle Pflegeteams, egal welcher Fachrichtung, mit ähnlichen zwischenmenschlichen Herausforderungen zu kämpfen. Sie alle waren geprägt von unterschiedlichen Diversitätsmerkmalen, etwa von vielfältigen Qualifikationsniveaus, einem unterschiedlichen Verständnis von Pflege und individuellen Herangehensweisen an die Arbeit.

Zudem konnten die Forschenden im Projektverlauf verschiedene Kommunikationstypen herausarbeiten, die sie schließlich in einem Fachartikel zusammengefasst haben (Terjung et al., 2025). „Diese unterschiedlichen Kommunikationstypen bringen jeweils eigene Kompetenzen mit, die sie zur gegenseitigen Unterstützung nutzen können – auch das lernen die Teams in der Intervision“, erklärt Terjung.

Auf die Details kommt es an

Der Ansatz, ein Konzept iterativ in zahlreichen Rückkopplungsschleifen zu erarbeiten, stammt aus der Medienwissenschaft. Für die Teamkollegen aus der Pflegewissenschaft war er zunächst ungewohnt, doch letztlich war er der Schlüssel zum Erfolg: So konnten die Forschenden viele Details optimieren, über die sie ohne Rückmeldung aus den Pflegeteams nie nachgedacht hätten. „Zum Beispiel, wie die verbleibende Zeit für eine Übung in den Schulungsvideos angezeigt wird: Hier habe sich gezeigt, dass ein herunterlaufender Zeitbalken viel besser funktioniert als eine Zeitangabe in Form einer Zahl“, so Terjung.

Dabei spielte dem Team sogar die Corona-Pandemie in die Karten: Weil die Pflegebranche in dieser Zeit abgeschottet und stark überlastet war und physische Treffen ohnehin nicht möglich waren, wurde der gesamte Iterationsprozess digital durchgeführt. „So konnten wir viel mehr Zyklen durchlaufen als geplant und in kleineren Schritten vorgehen“, berichtet Terjung. Das habe zu deutlich besseren Ergebnissen geführt, da die Schulungsvideos bis ins kleinste Detail angepasst werden konnten.

Pünktlich zum Ende der Projektlaufzeit im Dezember 2024 konnte das Team das Schulungsmaterial fertigstellen; nun geht es darum, das Konzept in den Einrichtungen bekannt zu machen und zu verbreiten. Prinzipiell kann jedes interessierte Pflegeteam das Material bereits jetzt benutzen und mit der Intervision loslegen.

Terjung glaubt allerdings, dass dafür noch ein wenig Anschub nötig ist: Auch wenn die Schulungen autonom organisiert und durchgeführt werden, braucht es in jeder Einrichtung zunächst einmal Menschen, die sich für das Konzept begeistern und den Prozess anstoßen. Solche „Anschubser“ wollen Terjung und seine Kollegin Sabrina Khamo Vazirabad in der nächsten Zeit unterstützen. Sie planen, die Intervision für ein bis drei Jahre mit wenigen Wochenstunden Einsatz zu begleiten und so die entsprechenden Skills in den verschiedenen Einrichtungen zu etablieren. „Und dann“, so Terjung, „läuft die mediengestützte Intervision hoffentlich von ganz allein.“ Prof. Dr. Schulze fasst zusammen: „Die Befähigung der Pflegenden, Probleme im Team zu analysieren und selbst Lösungen herbeizuführen ist für uns grundsätzlich ein zentraler Ansatz zur Professionalisierung in der Pflege.“