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Gemeinsam einzigartig

Wir Menschen sind von Natur aus soziale Wesen, deren Überleben viele Jahrtausende lang davon abhing, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Ausgeschlossen zu werden ist deshalb für uns sehr schmerzhaft und kann schwere Folgen für die psychische und körperliche Gesundheit haben. 

Gleichzeitig sind wir aber auch Individuen und so vielfältig in unserem Aussehen, unseren Meinungen und Traditionen, dass uns Zugehörigkeit manchmal schwerfällt. In unserer globalisierten Welt ziehen Menschen von einem Kulturkreis zum anderen, oft auf der Suche nach einem besseren Leben. Noch dazu öffnet das Internet uns heute ständig neue Fenster zu allen nur denkbaren Ideen, Kulturen und Lebensstilen. So erhalten auch Menschen mit körperlichen oder psychischen Einschränkungen, besonderen Bedürfnissen oder ungewöhnlichen Lebensentwürfen eine Stimme und können aktiv an sozialen und politischen Debatten teilnehmen.

Diese Entwicklungen haben dazu geführt, dass das Thema Vielfalt und Teilhabe in Deutschland und vielen anderen Ländern derzeit eine große Rolle spielt. Doch was bedeutet Vielfalt eigentlich und wie nah sind wir dem Ziel, alle Menschen gleichermaßen am Leben teilhaben zu lassen?

Vielfalt hat viele Dimensionen

Im Alltag neigen wir dazu, andere Menschen einfach nur nach Nationalität, Kultur oder Religion zu kategorisieren: „Die Amerikaner“, „die Asiaten“, „die Muslime“. Aber jenseits dieser sehr groben Einteilung gibt es zahlreiche weitere Dimensionen von Vielfalt. Dazu existieren zahlreiche Modelle, die je nach Blickwinkel variieren können. Häufig werden jedoch sieben Kerndimensionen genannt1: Soziale Herkunft, Geschlecht und Geschlechtsidentität, Religion und Weltanschauung, sexuelle Orientierung, Alter, ethnische Herkunft und Nationalität sowie geistige und körperliche Fähigkeiten.

Einige dieser Dimensionen verstärken einander sogar, das nennt man dann Intersektionalität. Zum Beispiel erfahren schwarze Frauen mehr und andere Formen der Diskriminierung als schwarze Männer oder weiße Frauen, und Migrantinnen und Migranten mit körperlicher oder geistiger Beeinträchtigung haben es deutlich schwerer, im Sozialsystem Fuß zu fassen, als nicht zugewanderte Menschen mit Behinderung.

Schematische Zeichnung eines Eisbergs, bei dem der größte Teil unter der Oberfläche liegt. Um den Eisberg herum sind Begriffe zu sichtbaren und unsichtbaren Vielfaltsdimensionen angeordnet.
Das Eisberg-Modell zeigt, dass wir viele Eigenschaften eines Menschen gar nicht auf den ersten Blick erkennen können und uns somit viele Dimensionen von Vielfalt verborgen bleiben. © VDI Technologiezentrum GmbH | Grafik teilweise erstellt mit KI (Adobe Illustrator)

Außerdem sind manche Dimensionen sichtbarer als andere: Die Hautfarbe eines Menschen erkennt man auf den ersten Blick, aber Dinge wie chronische Erkrankungen oder Neurodiversität nicht. So urteilen wir oft vorschnell über andere Menschen, weil wir nur von dem ausgehen, was wir mit einem Blick erfassen. Auch dieser Mechanismus hatte im Verlauf der Evolution einen Sinn, macht uns das Zusammenleben heute aber manchmal schwer.

Gleich ist nicht unbedingt gleich

In der Alltagssprache verwenden wir die Begriffe „Gleichberechtigung“ („equality“) und „Gleichstellung“ („equity“) oft synonym, aber tatsächlich bennenen sie zwei unterschiedliche Ansätze: Gleichberechtigung bedeutet, dass alle Menschen die gleichen Rechte und Startbedingungen haben. Wer von Natur aus schlechter dasteht als andere, bekommt somit zwar dieselbe Ausgangsposition, hat aber trotzdem schlechtere Chancen. 

Drei Menschen stehen unter einem Baum und greifen nach Früchten. Links im Bild stehen sie alle auf gleich großen Kästen, so dass nur einer die Äste erreichen kann. Rechts sind die Kästen unterschiedlich hoch, so dass alle die Früchte erreichen.
Der Unterschied zwischen Gleichberechtigung und Gleichstellung liegt in der Frage, ob alle Menschen dieselben Ausgangsbedingungen oder dieselben Erfolgschancen haben. © VDI Technologiezentrum GmbH | Grafik teilweise erstellt mit KI (Adobe Illustrator)

Gleichstellung hingegen bedeutet, dass die individuellen Bedürfnisse aller Menschen berücksichtigt werden und manche eine bessere Ausgangsposition bekommen, um letztlich die gleichen Chancen zu haben. In manchen Sportarten wird dieses Prinzip seit Jahrzehnten praktiziert: etwa beim Pferderennen, bei dem leistungsstärkere Pferde mit einem höheren Gesamtgewicht von Reiter und Ausrüstung an den Start gehen, oder beim Golf mit dem Handicap, das schwächeren Spielern einen Startvorteil gibt.

In Deutschland steht es um echte Gleichstellung vielerorts noch eher schlecht. Ein gutes Beispiel ist das Thema Bildung: Unser Bildungssystem wurde schon oft als undurchlässig kritisiert. Kinder mit höher gebildeten Eltern haben hierzulande deutlich bessere Chancen auf einen hohen Bildungsabschluss als Kinder von Eltern mit geringerer Schuldbildung. Laut dem Sozialbericht 20242 hatten 67 Prozent der Eltern, deren Kinder im Jahr 2019 ein Gymnasium besuchten, selbst das Abitur oder Fachabitur. Bezogen auf alle Schulformen waren es lediglich 46 Prozent. Eltern von Hauptschülern wiederum hatten überdurchschnittlich oft selbst einen Hauptschulabschluss, nämlich 42 gegenüber 16 Prozent.

Das Bildungsniveau wiederum entscheidet oft darüber, ob jemand Arbeit findet oder nicht und welches Gehalt diese Arbeit einbringt. Ein höherer Bildungsabschluss trägt also massiv zu einer besseren Teilhabe an der Gesellschaft bei – und setzt sich außerdem über Generationen hinweg fort.

Drinnen oder draußen? Von der Exklusion zur Inklusion

Auch andere Begriffe werden oft durcheinandergebracht, zum Beispiel Integration und Inklusion. Sie meinen aber nicht ganz dasselbe: Integration bedeutet, dass Menschen in bestehende Strukturen und Systeme eingegliedert werden und sich an diese anpassen müssen. Inklusion hingegen fördert ein Umfeld, das von Anfang an für alle offen und zugänglich ist. In mancherlei Hinsicht kann man die Frage, wer dazugehört und wer nicht, auch als Prozess über mehrere Stufen betrachten: Von der vollständigen Exklusion mancher Gruppen über ihre Separation in getrennte Lebensbereiche und ihre allmähliche Integration bis hin zur vollständigen Inklusion. 

Vier Kreise mit verschiedenen Symbolen erklären die Begriffe Exklusion, Separation, Integration und Inklusion.
Von der Exklusion bis zur vollständigen Inklusion verschiedener Menschen ist es oft ein weiter Weg. © VDI Technologiezentrum GmbH

Die Inklusion von Menschen mit Behinderung gilt übrigens als Menschenrecht, seit im Jahr 2008 die UN-Behindertenrechtskonvention international in Kraft getreten ist. Deutschland hat sich damals schwerer getan als andere Staaten und die Konvention erst 2009 ratifiziert3. Seitdem wird bei uns über Inklusion vor allem im schulischen Kontext diskutiert: Alle Kinder sollen dieselben Chancen auf Bildung bekommen und in Regelschulen lernen, auch wenn sie eine Behinderung haben oder aus anderen Gründen besonders gefördert werden müssen.

An den Statistiken lässt sich allerdings ablesen, dass dieses Vorhaben nur langsam vorangeht: Von allen Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf gingen im Schuljahr 2010/2011 nur knapp über 20 Prozent auf eine Regelschule. Im Schuljahr 2023/2024 waren es knapp 44 Prozent4. Je nach Perspektive kann man also sagen: Der Anteil hat sich verdoppelt – aber der weitaus größere Teil der Kinder mit Förderbedarf landet immer noch an Förderschulen. Anders als Italien, wo heute 99 Prozent aller Kinder auf Regelschulen gehen, setzt Deutschland also im Schulbereich noch immer eher auf Separation.

Generell nutzen wir den Begriff „Inklusion“ in unseren alltäglichen Debatten vor allem, wenn es um Menschen mit Behinderung geht. Ursprünglich meint er aber alle Menschen – denn wir sind alle Individuen mit eigenen Bedürfnissen, mit denen wir in der herrschenden Mehrheitsgesellschaft auch mal anecken. Und dabei wünschen wir uns doch alle nur eins: Teil einer Gemeinschaft zu sein, in der wir so leben können, wie es zu uns passt.